Social Strategie: Niemand will mit einer Marke reden. Und kein Playbook ändert das.
Die Branche beantwortet sinkende Relevanz mit mehr Methode. Dabei liegt das Problem woanders: Niemand redet gerne mit Marken. Aber alle reden gerne mit coolen Accounts, hinter denen jemand sitzt.

Wir ticken doch alle ähnlich, oder? Mit dem Spaßgetränk auf der Couch, und bevor die Lieblings-Serie startet nochmal kurz durch den TikTok oder Insta-Feed. Und ich mache dabei dasselbe wie alle anderen: Ich scrolle an Markencontent vorbei. An sauber produziertem, ordentlich freigegebenem, strategisch einwandfreiem Markencontent. Genau die Sorte Content, die Leute wie ich tagsüber beauftragen, briefen und abnehmen.
Das ist der unbequeme Startpunkt dieses Textes. Niemand wacht morgens auf und freut sich auf den Post einer Marke. Niemand vermisst eine Instagram-Kampagne. Niemand will mit einer Marke reden. Wir alle wissen das, weil wir es privat jeden Abend selbst beweisen. Und wir alle verdrängen es, sobald wir im Meeting sitzen.
Dazu kommt ein Umfeld, das diese Wahrheit gerade gnadenlos sichtbar macht. 2025 hat maschinell erzeugter Artikel-Content den menschlich geschriebenen im Netz erstmals mengenmäßig überholt. Gleichzeitig sagen Nutzer:innen in aktuellen Befragungen, dass von Menschen gemachter Content ihre wichtigste Erwartung an Marken für das kommende Jahr ist. Die Schere könnte kaum weiter auseinandergehen: Es war nie leichter, Content zu produzieren, und es war nie schwerer, dass er jemanden erreicht.
Die Playbook-Falle
Die Antwort der Branche auf dieses Problem ist seit Jahren dieselbe: mehr Methode. Hook-Formeln, Posting-Frequenzen, Format-Templates, Benchmark-Decks. Wenn die Relevanz sinkt, wird das Playbook dicker.
Nur löst das Playbook das falsche Problem. Es beantwortet die Frage, wie man postet. Es beantwortet nie die Frage, warum das irgendjemanden interessieren sollte. Playbooks skalieren Form. Bedeutung skalieren sie nicht.
Man sieht das am deutlichsten bei Trends. 93 Prozent der Konsument:innen erwarten, dass Marken Online-Kultur verstehen. Ein Drittel findet es gleichzeitig peinlich, wenn Marken auf Trends aufspringen. Verstehen ja, nachmachen nein. Genau in dieser Lücke stirbt das Playbook: Bis ein Trend in einem Template gelandet ist, ist er vorbei. Wer ihn von dort spielt, beweist öffentlich, dass er zu spät war.
Und wenn alle dasselbe Playbook spielen, ist das Playbook nicht die Lösung für Austauschbarkeit. Es ist ihr Grund.
Mit wem man eigentlich gern redet
Dabei stimmt der Satz vom Anfang nur zur Hälfte. Niemand redet gerne mit Marken. Aber Menschen reden gerne mit guten Accounts. Mit Accounts, hinter denen spürbar jemand sitzt. Jemand mit Humor, mit Geschmack, mit erkennbarer Handschrift. Jemand, der im Internet lebt, statt es zu bespielen.
Die besten Brand-Accounts fühlen sich an wie eine Person. Nicht wie eine Person inszeniert, das riecht man sofort, sondern tatsächlich von Menschen geführt, denen man Haltung und Tempo zutraut. Dass Nutzer:innen Mitarbeitenden mehr vertrauen als Influencer:innen oder CEOs, ist nur die messbare Seite dieses Gefühls.
Woran erkennt man diese Person? An vier Mustern, die sich durch alle Accounts ziehen, die gerade rausragen.
Der schnelle, schiefe Take schlägt die saubere Kampagne. Überpolierter Content ist zum Warnsignal geworden. Erfolgreiche Marken bewegen sich gerade bewusst von durchproduzierten Inhalten weg, weil Unvollkommenheit und natürliches Tempo Echtheit signalisieren. Das ist keine Ästhetik-Frage, sondern eine Organisationsfrage. Wer drei Freigabeschleifen braucht, ist raus, wenn der Moment vorbei ist. Eine Person antwortet sofort oder gar nicht. Eine Marke antwortet nach Abstimmung mit Legal.
Die eigentliche Arbeit passiert unter dem Post. Charakter entsteht nicht im Feed, sondern in den Kommentaren. Dort, wo nichts geplant werden kann, zeigt sich, ob jemand zuhört, schlagfertig ist, eine Meinung hat. Die Daten dazu sind entlarvend: Fast 90 Prozent der Konsument:innen attestieren Marken, dass sie auf Social ordentlich zuhören. Aber 55 Prozent sagen, dass aus diesem Zuhören nichts folgt. Zuhören als Reporting-Funktion gibt es überall. Antworten als Charakterzug ist selten.
Sprache kann man nicht briefen. Die Codes einer Community, ihre Insider, ihre Ironie-Ebenen, das lernt niemand aus einem Wording-Dokument. Das lernt man nur, indem man da ist. 94 Prozent der Social-Profis sagen, dass sie sich chronisch online fühlen müssen, um ihren Job zu machen. Das wird gern als Burnout-Warnung gelesen, und das ist es auch. Aber es ist gleichzeitig die ehrlichste Stellenbeschreibung der Branche: Internet Culture ist gelebte Praxis, kein Wissen, das man sich quartalsweise anliefern lässt.
Unter allem liegt Gespür. Die drei Muster oben funktionieren nur, wenn jemand entscheiden kann, was lustig ist und was peinlich wäre, welcher Moment trägt und welcher kippt. Das ist Handwerk im eigentlichen Sinn, Urteilskraft statt Hochglanz. Es ist die eine Fähigkeit, die sich nicht templaten, nicht automatisieren und nicht einkaufen lässt. Und genau deshalb wird sie gerade zur teuersten Ressource im Social-Marketing.
Die unbequeme Konsequenz
Wenn das alles so klar ist, warum machen es dann so wenige? Weil es Kontrolle kostet, eine Person zu sein.
Es bedeutet, eine mutige Entscheidung zu treffen und sie als Marke zu tragen. Nicht als geduldetes Experiment von ein paar Mutigen im Team, sondern als Linie des gesamten Marketings. Es bedeutet, Fehler auszuhalten statt sie wegzuprüfen. Und zu akzeptieren, dass die Marke einen erkennbaren Charakter bekommt, der nicht allen gefällt. Ein Account mit Haltung wird Widerspruch ernten. Ein Account ohne Haltung erntet etwas Schlimmeres: nichts.
Genau hier liegt der Punkt, den sich viele Unternehmen nicht eingestehen. Die meisten Marken wollen gar nicht menschlich sein. Sie wollen so aussehen. Sie wollen die Engagement-Werte von Nahbarkeit, aber die Absicherung von Konzernkommunikation. Beides zusammen gibt es nicht, und das Publikum erkennt den Unterschied schneller als jedes Reporting.
Deutschland, deine Bürokratie und Freigabeketten
Kaum irgendwo sind Freigabeketten länger und Sicherheitsbedürfnisse größer als im deutschen Mittelstand und in den Konzernen. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: Genau deshalb ist die Lücke hier am größten. Wo fast alle wie Institutionen kommunizieren, fällt auf, wer sich echt anfühlt.
Die Frage für 2026 ist deshalb nicht, welches Playbook man kauft. Playbooks haben alle, das ist ja das Problem. Die Frage ist, wem man die Stimme der Marke anvertraut. Wer darf ohne Schleife antworten? Wer darf einen Witz riskieren? Wer darf entscheiden, dass ein Trend nichts für uns ist, obwohl er gerade überall läuft?
Marken, die auf diese Fragen Namen nennen können, brauchen kein Playbook. Alle anderen wird auch keins retten.

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